Meine fünf Minuten

Das Leben ist gut und licht

gut & licht
 

Das Leben ist gut und licht.
Das Leben hat goldene Gassen.
Fester wollen wirs fassen,
wir fürchten das Leben nicht.

Wir heben Stille und Sturm,
die bauen und bilden uns beide:
Dich – kleidet die Stille wie Seide,
mich – machen die Stürme zum Turm…

~ Rainer Maria Rilke

 

 

Vorfrühling im Advent

Hier ist sowas wie Vorfrühling ausgebrochen. Ein ziemlich nasser und mitunter ziemlich windiger Vorfrühling. So habe ich am Morgen noch einen Jacken- und Schuhtausch vollzogen und bin etwas leichter bekleidet losgeradelt.

Die 19. Nuss

Ich habe es doch geahnt, im Büro erwartete mich ein großer Stapel Rechnungen. Klimperdiklimper, ich habe bis zum Feierabend alle in die Software gehämmert und bin dann während einer geschmeidigen Regenpause nach Hause geradelt. Und jetzt: Uuuurlaub! Unterbrochen nur von einem Montag, an dem ich mal ein paar Stündchen die Stellung halte. Das wird ein easy Tag werden, ich habe mich schon ein paar anderen Stellungshaltern zum gemeinsamen Frühstück verabredet.

Was ist das?!

Haben Sie eine Idee, was das sein könnte? Ein Walfisch, ja, gut erkannt. Ein Walfisch aus Holz. Uuuund …

Flaschenöffner

… ein Flaschenöffner. Ein Ergebnis der ersten beruflichen Orientierungswoche des Nachwuchses im Hause. Einen Teil verbrachte er im Bereich Verwaltung, den zweiten Teil im Bereich Holz. Beides hat ihm viel Freude gemacht. Noch strebt er eine Ausbildung im Holzhandwerk an, ich warte einfach ab, ob das in zwei Jahren auch noch der Fall ist. Seine erstes “Werkstück” hat er jedenfalls prima hingekriegt, ein Handschmeichler.

Ich bin sehr froh, dass ich diese Woche hinter mich gebracht habe, sie war eine harte Nuss. Ich bevorzuge die Adventsnüsse, leider nimmt deren Zahl täglich ab. Aber es gab auch, wie bereits berichtet, etliche Lichtblicke. In dieser Woche habe ich gleich zwei Mal gehört, wie gut ich abgenommen habe. Yeah, das pusht unsagbar, denn im Januar geht es weiter. Die letzte Etappe ruft, nicht mehr viel, dann bin ich an meinem Wohlfühlziel. Ich genieße jetzt aber erst einmal ein bisschen all den weihnachtlichen Mampfkram (und nehme trotzdem nicht mehr zu, La Ola!). Gleich zu Beginn der Woche bekam ich das Ergebnis für etwas, was ich in diesem Jahr zum ersten Mal in meinem Leben tat. Dieses Ergebnis hat mich selbst so sehr angerührt, dass ich es nicht ohne Pipi in den Augen auf mich wirken lassen konnte. Und da dieses Ergebnis einer breiten Masse an Menschen zugänglich ist, bekam ich völlig unerwartet ein besonderes Feedback einer mir zuvor gänzlich unbekannten Person. Mir sind beinahe die Augen aus dem Kopf gekullert, sowas hatte ich überhaupt nicht auf dem Plan.

Da kannst du müde und abgekämpft taumelnd durch die Tage streifen, die vielen lieben Menschen in meinem Sein lassen mich fliegen. Alter Falter. Ich bin gerade stolz, wie ich in diesem Jahr gewachsen bin, was ich alles erreicht habe und was ich alles hinter mir gelassen und für alle Zeit abgelegt habe. Fazit: Ich bin gut.

 

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, –
du hast ihn wachsen sehn; –
die Bäume flüchten. Ihre Flucht
schafft reitende Alleen.
Da weißt du, der, vor dem sie fliehn,
ist der, zu dem du gehst,
und deine Sinne singen ihn,
wenn du am Fenster stehst.

~ Rainer Maria Rilke

 

 

Alles geben auf den letzten Metern

Jetzt, wo ich die letzten Arbeitsstunden des Jahres beinahe an zwei Händen abzählen kann, wird es anstrengend. Während ich mental erstaunlich frisch und unbeschwert unterwegs bin, fühle ich mich körperlich wie eine Kartätsche. Ich habe Sehnsucht nach ganz viel Schluffidasein und träume davon, die Zeit zwischen den Jahren komplett im Schlafanzug zu verbringen. Ein Ding der Unmöglichkeit, einen Tag muss ich auch arbeiten. Aber davor und danach könnte ich schwach werden.

Die 18. Nuss

Die Adventsnuss am Morgen legt mir wieder mein Lieblingsthema ans Herz. Und dann habe ich mich auf den Weg gemacht, ins Handkusshaus, bepackt mit einigen Zutaten für das obligatorische letzte gemeinsame Frühstück im Jahr. Schön war das, gemütlich und relativ ruhig. Der Trubel ging erst danach los. So viele Menschen, Gesichter, Gespräche und Informationen, mir ist jetzt noch vollkommen trullerig im Kopf.

Mittendrin schmuggelte sich hastig eine der liebsten Bewohnerinnen im Handkusshaus in mein Büro. Die kleine, zarte Frau K., gezeichnet durch eine Krebserkrankung, ich glaube, sie ist nur halb so groß wie ich. Aber so ein Zuckerstück. Nicht jeder findet Zugang zu ihr, sie zeigt unverhohlen die kalte Schulter, wenn sie jemanden nicht leiden kann. Wir mögen uns vom ersten Tag an. Ich besuche sie, so oft ich die Möglichkeit dazu habe. Die kleine Frau hat keine Kinder, nur noch einen Bruder, der etwas weiter weg lebt. Jedenfalls überbrachte sie mir heute ein Geschenk mit den Worten: “Es geht nicht um die Blumen, es geht um die Vase (Lausitzer Glas, Made in GDR und ganz neu, also so neu wie etwas 25 Jahre nach Tag X eben sein kann) und Ihre Nerven! Vielen Dank für Ihre Hilfe.” Ich musste kurz in mich hineinkichern, dann habe ich sie gefragt, ob ich sie umärmeln darf und wir haben uns ganz lange gedrückt.

Geschenk

Als ich das Handkusshaus in der Dunkelheit wieder verließ, spürte ich, wie abgeschlagen und müde mein Körper nur noch funktioniert. Ein halber Tag noch mit vermutlich irre vielen Rechnungen, dann hüpfe ich in den Schlafanzug und tanke auf, was in diesem Knallerjahr abgezapft wurde. Ich freue mich so sehr auf die freien Tage.

 

Denn die Liebe wird dir nicht als Geschenk gegeben von dem Gesicht, das dir begegnet, und ebenso entsteht deine Heiterkeit nicht durch die Landschaft, sondern durch den Aufstieg, den du überwunden hast. Durch den Berg, den du bezwungen hast. Durch dein Fußfassen im Himmel.

~ Antoine de Saint-Exupéry

 

 

Klippenspringer

Klippenspringer
 

Und sehr viele bleiben für immer an dieser Klippe hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und mörderischste aller Träume ist.

~ Hermann Hesse

 

 

Ein genialer Tag

Hinter mir lag am Morgen eine Nacht ohne Unterbrechung, aber da ich ein mittelschweres Defizit mit mir herumtrage, plagt mich selbstredend noch massive Müdigkeit. Und Kopfschmerzen. Also alles wie immer hier an diesem Morgen im einundvierzigsten Advent meines Lebens. Nur das mit den Nüssen ist in diesem Jahr ganz neu. Und schön. Und herzbubbelig.

Die 15. Nuss

Ich nutze immer noch täglich mein Fahrrad. Deshalb mag ich es auch, dass es jetzt noch nicht kalt und glatt und eisig ist. Und ganz ehrlich, es darf sehr gern so bleiben. Rad fahre ich für mein Leben gern. Das liegt bestimmt nur daran, dass es mir meine damals schon weit über achtzig Jahre alte Urgroßmutter vor über 30 Jahren beigebracht hat. Ich hab dich im Herzen, meine Kleene.

Von gemächlicher Jahresendstimmung kann dienstlich nicht die Rede sein. Alle wollen alles am besten heute abgearbeitet wissen. Ich habe nur einen Kopf und zwei Hände zur Verfügung und alles, was ich nicht schaffe, bleibt liegen. Ganz einfach eigentlich. Dafür äußerst befreiend. Eine meiner Lektionen in diesem Jahr hat mich das gelehrt und einmal verinnerlicht, fällt mir das gar nicht mehr schwer. Mir ist egal, dass sich andere als Mata Hari der Firma produzieren, ich habe meine Lehren gezogen.

Zum Feierabend gab es noch einen herzlichen Drücker mit meiner Lieblingsbuchhalterin, ich werde sie in diesem Jahr nämlich nicht mehr sehen. Wir sind mittlerweile ein richtig gutes Team geworden und vor allem, wir vertrauen einander. Welch wunderbares Fazit zu Weihnachten.
Zuhause stand die zweite Schicht an, uäh. Ich habe mich gar nicht erst hingepflanzt, nicht mal für fünf Minuten, ich habe nur bequeme Klamotten angezogen und den Putzeimer aktiviert. Zur Belohnung gab es auch was für mein himmlisches Herzchen…

Dienstags im Advent

So gesehen war heute ein genialer Tag. Mein Sohn fühlt sich sehr wohl in seiner allerersten beruflichen Orientierungswoche, ich habe heute mit meinem IT-Kollegen kurz AC/DC im Büro gehört und zum Abendessen hatten wir so viel Spaß, dass dem Nachwuchs vor Lachen der Tee aus der Nase tröpfelte. Fetzt, alles. Darf so bleiben, alles.

Morgen: Handkusshaus. Und Vorfreude.
 

Der ist ein Narr, der sich an der Vergangenheit die Zähne ausbricht, denn sie ist ein Granitblock und hat sich vollendet. Bejahe den Tag, wie er dir geschenkt wird, statt dich am Unwiederbringlichen zu stoßen. Das Unwiederbringliche besitzt keinen Wert, denn es ist der Stempel, der allem Vergangenen aufgeprägt ist.

Antoine de Saint-Exupéry

 

 

Letzte Arbeitswoche in 2014

Nach nur vier Stunden Schlaf in der letzten Nacht wachte ich mit dem Weckerschalmeien auf als hätte ich gestern Abend einer hemmungslosen Tequila-Orgie beigewohnt. Uäh, Schlafmangel fühlt sich an wie besoffen sein, vor allem morgens. Mein Kreislauf blieb noch eine Weile im Bett, während ich auf meine sieben Sinne achtend durch die Wohnung schlurfte.

Die 15. Nuss

Erster Höhepunkt: Die tägliche Nuss. Und heute war sie als Tagesbotschaft durchaus zu brauchen. Genau das war mein Thema des Tages, das ich nach Leibeskräften gelebt habe. Ich habe mir Zeit genommen, zugehört, Verständnis gezeigt, Trost gespendet und eine Frau umarmt, die jetzt kurz vor Weihnachten ihren Schwiegervater in spe verloren hat. Er war so ein knutzliwutzli-lieber Mensch aus dem Handkusshaus, den jetzt einfach die Kraft verlassen hat. Zwischendurch habe ich mich heute auch mal ordentlich geärgert, ja. Aber dann gab es doch recht flott wieder Grund zur Freude.

Geschenk

Kurz vor dem Mittag rief mich Frau B. an. Sie wohnt im Handkusshaus in der Etage über meinem Büro und wäre gern zu mir gekommen, aber da heute der Fahrstuhl wieder stundenlang wegen der Anlieferung neuer Möbel gesperrt war, rief sie eben unter einem lapidaren Vorwand an und zitierte mich in ihr Zimmer. Dort bekam ich dann als Dank für meine stete Hilfe und unseren freundlichen Austausch das da geschenkt. Ist das nicht lieb? Ich habe mich so sehr gefreut. Wir haben dann noch eins unserer üblichen Gespräche geführt und ich habe sie zum Mittagstisch begleitet. Herr Schneemann steht jetzt auf der Fensterbank in meinem Büro und ich werde immer an Frau B. denken, wenn ich ihn anschaue.

Tja und nach der Arbeit habe ich den Weihnachtsfriedrich gekauft. Eigentlich wollte ich heuer wegen akuter Unlust auf das Jahresendgehölz verzichten. Der Nachwuchs im Hause Sterntau hat dagegen allerdings Protest eingelegt und mit mittelschweren Streikwellen gedroht. Also guuuut, bevor hier ein mit Transparenten bestückter Pubertist eine Welle schlägt, gebe ich nach und kaufe einen Baum. Der wohnt jetzt ein paar Tage auf Balkonien in einer Ecke, wo ich ihn nicht sehe. Weihnachten … pffff.

Der erste Tag der komplett zu arbeitenden Woche in diesem verrückten Jahr ist geschafft und ich bin mit diesem Tag und mir richtig zufrieden. Das habe ich gut gemacht. Juhu.

 

Die große Chance für alle, die eine neue Richtung einschlagen wollen, liegt darin, daß sie Ideen haben, während ihre Gegner nur über abgenützte Ideologien verfügen, welche die Menschen vielleicht beruhigen, aber nicht anregen können und die nicht in der Lage sind, ihre Energien zu steigern.

Erich Fromm

 

 

»Mehr Licht!«

3. Advent
 

»Mehr Licht, mehr Licht!« Die Finsternis
läßt mich nur zagend vorwärts gehn;
ich schreite langsam, ungewiß
und bleib oft ängstlich tastend stehn.

»Mehr Licht, mehr Licht!« Zwar leuchtet mir
die Weisheit dieser klugen Weit,
doch so, daß sie den Weg zu dir
verdunkelt, aber nicht erhellt.

»Mehr Licht, mehr Licht?« Am Glauben nur,
an ihm allein, allein gebrichts;
ihn scheut die irdische Natur
und mit ihm dich, den Quell des Lichts.

~ Karl May