Leave in Silence

Viele mögen gar nicht gemerkt haben, dass hier der See sehr still ruhte, dass der Blog dicht war. Das ist gar nicht weiter schlimm, sage ich Ihnen, im Gegenteil. Dass mich niemand vermisst, hat mir alles erleichtert.

Es scheinen merkwürdige Zeiten zu sein für empfindsame Menschen. Menschen wie mich, die sich vieles zu Herzen nehmen, mit Ängsten und aufsteigender Panik kämpfen, die das Gefühl haben, schlussendlich völlig a l l e i n dazustehen.

In dieser Woche hat ein wunderbarer Mensch seinen Kampf verloren. Verloren an ein Arschloch mit dem Namen Depression. Und wieder einmal brandet eine Debatte auf, wollen viele alles wissen und scheuen sich nicht, denen, die mit diesem Arschloch ebenfalls kämpfen, zahllose gute Ratschläge anheim zu legen. Da tauchen aus diversen Mottenkisten plötzlich Menschen auf und befinden, jeder Depressive sollte zum Therapeuten gehen und brav die bunten Pillen fressen, die alles wieder hübsch machen sollen. Ich erwidere euch kurz und knapp: Ihr wisst gar nix und solltet die Klappe halten!

Es gibt nicht die Depression und den Weg, damit umzugehen. Depressionen haben ihre Ursache nicht immer ausschließlich in den fehlenden Botenstoffen im Hirn des Betroffenen, auch wenn uns die geldgeile Pharmaindustrie und eine unreflektierte Medienlandschaft etwas anderes suggerieren wollen. Mitunter führen Lebensumstände, Sorgen und Schicksalsschläge dazu, dass Menschen ins Bodenlose fallen und kein Land mehr sehen.

Guten Tag, mein Name ist Aurélie Sterntau und ich bin depressiv. Ich betrachte mich selbst als geheilt, auch wenn ich immer mal wieder falle, trotzdem bleibe ich ein depressiver Mensch, denn gleich einem trockenen Alkoholiker kann mich das Monster Depression jederzeit wieder anspringen.

Ich bin vor Jahren einmal kreuz und quer durch meine persönliche Hölle marschiert, dem Tod immer ein Stück näher als dem Leben. Auch ich habe irgendwann Hilfe bei einem Arzt gesucht. Und bekam die berühmten Pillen verordnet. Pure Chemie, mit der mein Körper völlig überfordert war. Es gab keine Wirkung, es gab nur Nebenwirkungen und zwar alle, die im Beipackzettel beschrieben wurden. Mein Körper wehrte sich mit aller Macht, nun war ich psychisch und physisch angeschlagen. Willkommen im Hamsterrad deines Lebens!

Sämtliche Therapeuten vor Ort lehnten eine Betreuung mit unterschiedlichen Begründungen ab, alle wollten mich unbedingt stationär unterbringen. Ich habe mich zu einem « Kennenlerntag » in eine solche Klinik begeben. Willkommen im Ferienlager für Erwachsene! Was ein Spaß. Minutiös geplante Tagesabläufe und lauter selig grinsende Mitinsassen, manche bereits zum x-ten Mal vor Ort. Ich war beeindruckt von so dermaßen viel kompetenter Hilfe. Betroffene leben ein paar Wochen in dieser künstlichen Welt wie unter einer Käseglocke und werden dann ohne weitere Betreuung nach Hause entlassen, dorthin, wo die Sorgen und Nöte nach wie vor kichernd auf dem Schrank sitzen. Genauso stelle ich mir effektive Hilfe vor. Bravo!

Ich entschied mich gegen einen Klinikaufenthalt, denn ich wollte immer selbstbestimmt leben. Und weil ich auch alles mit vollem Bewusstsein erleben wollte, schlich ich im Turbotempo die Einnahme der Pillen aus und schwor mir, niemals mehr werde ich meinem Körper solchen Dreck zumuten. Ich begann, das Leben wieder zu entdecken. Ein langsamer Prozess, einer, der von zahllosen Rückschlägen begleitet war. Und doch bewegte ich mich einer Schnecke gleich vorwärts. Zuerst habe ich viel gemalt, aber weil ich ein ungeduldiger Mensch bin und schnelle Ergebnisse bevorzuge, griff ich irgendwann zur Kamera und fand meine Passion.

Manchem erscheine ich vermutlich wie ne Kranke. Ich kann damit leben.
Mancher empfindet mich als mutig. Ich hänge einfach an meinem Leben.
Manchen überfordere ich massiv. Ich weiß darum und bitte um Nachsicht.
Viele haben mich abgeschrieben. Ich bin immer noch hier.
Einige belächeln mich. Ich gehe meinen Weg.
Und gebe bestmöglich auf mich acht.

Euch gebe ich den Rat, hört einfach zu, wenn ein Betroffener spricht. Es braucht nicht viel Geschick aus seinen Äußerungen herauszufiltern, was diesem Menschen fehlt. Von bunten Pillen und Vier-Augen-Gesprächen mit wildfremden Menschen werdet ihr eher selten hören.

 

Was ist Depression? Es ist die Unfähigkeit zu fühlen, das Gefühl, tot zu sein, während der Körper noch lebt. Es ist die Unfähigkeit, froh zu sein, genau wie man unfähig ist, traurig zu sein. Ein depressiver Mensch wäre höchst erleichtert, wenn er traurig sein könnte.

Erich Fromm

 

 

20 commentaires

  1. Mir geht es mit Depressionen ebenso: Gehabt, überwunden, vermutlich immer irgendwo gefährdet. Achtsam geworden, Umgang mit der Gefahr gelernt.
    Zum Glück hab ich nie Pillen dagegen gefressen – und bin nach diesem Artikel noch mal ganz besonders froh darüber.
    Ich hab mich übrigens auf Deinem Blog auch lange nicht blicken lassen – weil ich zur Zeit insgesamt weniger Blogs lese, aus mancherlei Gründen. Ich bin aber sehr froh, nun doch wieder hier gelesen zu haben und dann so einen guten und bewegenden Artikel.
    Mach es sehr sehr gut und behalt den Kopf oben!

  2. Ich habe dich vermisst, dachte aber es läge an meinem e-mail Account,der mir letzthin Probleme bereitete.Meine Suche nach Deinem Blog blieb erfolglos,ich kam über WordPress nicht rein. Freue mich,wieder von Dir lesen zu können.

    Ein wunderbarer Artikel! Vielen Dank dafür!

  3. Jeder muss für sich seinen Weg finden. Hilfe einzufordern bzw. sich überhaupt einzugestehen, welche zu brauchen, ist ein toller Schritt. Hilfe zu bekommen in der Tat sehr schwer, wenn es – in welcher Art auch immer – um die Psyche geht. Aber für manche und manches ist die « Käseglocke » ein guter erster oder zweiter und dritter Schritt…😉

    1. Ich bin generell ein ziemlich kritischer Mensch. Wer denkt, mir kann man eine Lösung präsentieren, die ich ad hoc und ohne genauere Betrachtung annehme, der wird schnell merken, dass das bei mir nicht funktioniert. Die meisten Psychopharmaka sind reine Chemie, also etwas künstlich Erzeugtes, was garantiert nicht in meinen Körper gehört. Genau das habe ich gespürt und bevor ich meinen Körper mit anderen chemischen Wirkstoffen quäle, lasse ich es lieber sein. Das ist nicht mein Weg und ich bin nicht so arzthörig, dass ich mich auf derartige Experimente einlassen würde.

      Für manche mag so eine Käseglocke eine Maßnahme sein. Für mich stellt sie nur eine Flucht für ein paar Wochen dar, denn wenn am Kern der Sorgen und Nöte, den Umständen, die einen niederreißen, nichts gemacht wird, sondern nur die Symptome beackert werden, stellt sich nach kurzer Zeit der gleiche Effekt von Neuem ein. Das kann nicht sinnvoll sein. Für mich gehört mehr dazu, viel mehr. Sozialarbeiter, spezielle Ansprechpartner in Behörden, organisierte Hilfen im Alltag usw. All das ist nicht gegeben. Du hast die Wahl zwischen dem Programm bunte Pillen, Klinik und Therapeuten oder aber du wurschtelst dich eben allein durch.

      1. Ich durfte das anders erleben. Aber die Krankheiten sind verschieden, die Menschen sind verschieden und so muss jeder seinen Lösungsweg für sich suchen… Alles Gute auf jeden Fall!

    2. Entschuldige, dass ich an dieser Stelle anonym bleiben möchte.
      Depressionen verlassen einen nie ganz – soweit stimme ich zu. Allerdings sind für manche Menschen die ‘bunten Pillen’ eine Hilfe. Ja, sie haben Nebenwirkungen und die sind streckenweise beachtlich; aber ich habe aufgerechnet: Komme ich über den Tag mit Schwindelgefühlen, Schmerzen im Bauchund anderem oder… komme ich nicht über den Tag, weil die Panik nicht vielleicht doch so übermächtig wird und ich vergesse, dass mich … ‘so’ nicht finden dürfen?!
      Nicht jede Pille passt auf jede Depression. Jeder Mensch reagiert anders, die Krankheit äussert sich anders und muss anders behandelt werden. Ich habe es mir einfach gemacht und nahezu ein Jahrzehnt mit ‘bunten Pillen’ gelebt… wie Du meinst in einer Traumwelt. Zusammen mit mehreren Kindern, die ich in der Zeit allein erzogen habe. Ich habe nie selig gegrinst, ich habe nie die Käseglocke erlebt. Irgendwie und irgendwann habe auch ich es geschafft, wieder ohne Medikamente klarzukommen. Nach fast einem Jahrzehnt.

      Es gibt nicht DEN einen Weg, der für alle funktioniert; man muss den richtigen Weg für sich finden. Manche finden den Weg trotz jahrelangem Kampf nicht und versterben an dieser Krankheit, u.a. das habe ich hautnah miterlebt. Diese Abwertung der ‘bunten Pillen’ nervt bzw. empfinde ich als verletztend.
      Die tolle Frau Sterntau hat es ganz allein ohne Chemie geschafft – nur mit Golden Milk und stetigen Lächeln. Nein – das steht so nicht geschrieben, aber so lese ich das. Bedauerlich

      1. Hallo werte/r Frau/Herr Anonym,
        zunächst einmal möchte ich festhalten, dass ich hier alles, was ich erlebe, was ich empfinde, aus meiner Sicht schreibe. Logisch, denn was andere Menschen denken und fühlen, weiß ich nicht.
        Ansonsten gilt, ich weiß alles, was Sie so aufzählen, das sind für mich keine neuen Informationen. Ich weiß es und möchte trotzdem meinen eigenen Weg gehen, eben und weil ich z.b. auch allein erziehende Mutter bin. Ich möchte meinem Kind zur Verfügung stehen, etwas, was ich damals nicht mehr konnte, denn ich war körperlich massiv angeschlagen. Nach Experimenten steht mir nicht der Sinn. Warum auch? Ich bin doch kein Versuchskaninchen. Hinzu kommt, dass ich in meinem Fall an die Theorie der fehlenden Botenstoffe im Hirn nicht glaube.

        Wer anders handeln und leben möchte, soll das gern tun.
        Ich gehe meinen Weg auf anderen Pfaden. Und ja, ich bin toll, sogar sehr toll, es gelingt mir nämlich immer besser, an mich zu glauben und auf meine Kraft zu vertrauen.

        Ihnen wünsche ich alles alles Liebe und empfehle, den Artikel noch einmal in Ruhe zu lesen. Da steht nämlich nicht, dass alle, die bunte Pillen konsumieren, in einer Traumwelt leben oder dauerhaft selig grinsen, dabei bezog ich mich auf den Besuch in der Klinik🙂

  4. Ich habe dich vermisst und gesehen, dass dein Blog auf privat gestellt war.
    Schön, wieder zu lesen. Ich kann dich sehr sehr gut verstehen. Menschen, die so etwas noch nicht hatten, können da eigentlich auch keine Tipps geben.
    Auch ich hatte schon schwere Depressionen mit längeren Klinikaufenthalten. Auch ich habe diese Tabletten genommen und bin der Meinung, dass ich vieles von den Nebenwirkungen bekam. Ich nehme keinerlei Tabletten mehr. Ich habe einmal eine Verhaltenstherapie bei einer ganz lieben Psychologin gemacht, das hat mir mehr gebracht als die Klinik. Aber auch diese schreckliche Klinikzeit (sogar geschlossene Abteilung) hat dazu beigetragen, dass ich dort nie, nie mehr hinmöchte. Auch möchte ich mein Leben leben, auch mein Glaube, dass ich diesen Weg nicht alleine gehen muss, hilft mir sehr. Im Moment begleite ich einen Menschen, der gerade eine Knochenmarktransplantation hinter sich hat. Er macht mir Mut, wie er damit umgeht.

    Ich bin dankbarer für alles geworden, kann es auch empfinden. Damals war ich wie tot, es war eine sehr schlimme Zeit. Dass ich da herausgekommen bin, verdanke ich auch der Unterstützung vieler lieben Menschen, die mich so nehmen wie ich bin, auch meine Familie steht hinter mir. Ich habe weniger Druck und viel Zeit, auch das zu tun, was mir Freude bereitet. Das Singen ist für mich Therapie, auch ehrenamtliche Arbeit in der Grundschule. Ich brauche auch viel Ruhe. Ich wünsche dir alles Gute, schön, dass es dich gibt ♥ Grüße, Erika🙂

    1. Ich glaube, Unterstützung ist das Wichtigste, auch wenn ich keine hatte und mich ganz allein herauskämpfen musste. Ich bin trotzdem stolz, dass ich es irgendwie geschafft habe.

      Danke für deine Ausführungen, die sich doch erstaunlich mit meinen Erfahrungen decken. Ja, Ruhe ist ziemlich wichtig, auch wenn das eigentlich nur die wenigsten Mitmenschen verstehen können.

      Auch dir wünsche ich alles Liebe, auf dass du immer die nötige Ruhe hast und die liebsten Menschen dir Rückhalt geben.

  5. ich hab dich vermisst
    habe auch einen Kommentar geschrieben, weiß nicht, wo er geblieben ist ???
    Ganz liebe Grüße und alles Gute❤ Erika

  6. Hallo – ist mein Kommentar auch im Spam gelandet ? Jetzt traue ich mich mal aus meinem Schneckenhaus und dann ist der Kommentar weg ….mmmhh🙂 Herzliche Grüße

      1. Oh – ich hatte geschrieben, wie sehr mir der Blog gefehlt hat ….
        Es ist schön, wieder hier dabei sein zu dürfen. * freu * Habe mir richtig Sorgen gemacht. Nochmals einen herzlichen Gruß

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