Geschichten aus dem Handkusshaus 11

Frau Fassbender fiel in ihrem früheren Leben durch ein gehobenes Dasein auf. Landläufig und kurz gesagt, sie war ziemlich etepetete. Ich weiß das, weil sie für einige Zeit mit einem Familienmitglied zusammengearbeitet hat, man wohnte im gleichen Ort, kannte sich, grüßte sich.

Vor zwei Jahren begann die letzte Karriere der Frau Fassbender. In unserem Haus fand sie sich immer wieder zu Kurzzeitpflegeaufenthalten ein. Die Demenz ergriff zunehmend von ihrer Person Besitz und ihr Mann, um einige Jahre älter als seine Frau und selbst mit nachlassender Gesundheit bedacht, war der Dauerbelastung nicht mehr gewachsen. Für lange Zeit versuchte er die Pflege seiner Frau ganz allein zu stemmen, auch finanziell. Irgendwann musste er allen Stolz loslassen und sich eingestehen, dass es so nicht geht. Bloß gut.

Vor ein paar Monaten hat Frau Fassbender ihren Hauptwohnsitz zu uns verlegt. Sie zog in keinem wirklich berauschenden Zustand bei uns ein, hat sich aber ziemlich schnell wieder berappelt und ist mittlerweile einfach nur zückersüß. Etepetete war einmal, heute fällt sie durch lautes Singen und kindlich entspannte Auftritte auf. Mich sortiert sie grundsätzlich ihrem Heimatort zu, der sich in Thüringen befindet und den ich noch nie besucht habe. Im Handkusshaus ist man alles für jeden. Mit einem Lächeln auf den Lippen.

Vor etwa zwei Wochen hat Frau Fassbender einen Narren an dem Namensschild neben ihrer Zimmertür gefressen. Seitdem ist das Schild immer wieder weg. Mal findet es eine Pflegekraft unter die Matratze gepfriemelt, mal stopft es sich Frau Fassbender hinten zwischen Po und Schlüpfer, so wie gestern. Ich habe nun schon mehrfach neue Namensschilder gedruckt, auch weil sie mittlerweile auch die Schilder anderer Bewohnerzimmer sehr spannend findet. Heute habe ich mit durchsichtigem Klebeband unsichtbare und hoffentlich wirksame Gegenmaßnahmen getroffen, ab übernächste Woche urlaube ich ein bisschen und bevor niemand mehr weiß, wer in welchem Zimmer wohnt …

 

Kniehang

Ich wollte, ich wär’ eine Fledermaus,
Eine ganz verluschte, verlauste,
Dann hing ich mich früh in ein Warenhaus
Und flederte nachts und mauste,
Daß es Herrn Silberstein grauste.
Denn Meterflaus, Fliedermus, Fledermaus –
(Es geht nicht mehr; mein Verstand läuft aus).

Joachim Ringelnatz

 

 

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