sounds like destroy

Als ich gestern Abend zu Bett ging, das Fenster geöffnet und mich in meine Decke eingekuschelt hatte, kam ein sachter Ostwind auf. Dieser Ostwind führt immer ein bestimmtes Soundpäckchen mit sich, eines, das seinen Ursprung hinter der Grenze hat. Dort befindet sich ein riesiger Braunkohletagebau und der macht Geräusche.

Diese Geräusche begleiten mich bereits seit frühester Kindheit. Wenn ich in meinem Dörfchen zu Bett ging und die Welt zur Ruhe kam, konnte ich sie hören, die Schaufelradbagger, die sich unaufhaltsam unserem Dorf entgegenfraßen. So ein Bagger ist ein Monstrum aus Stahl und wirkt selbst im Ruhezustand bedrohlich. Früher quietschten diese Riesen ohne Unterbrechnung, dazu brach sich krachend das Geräusch der gewaltigen Schaufeln, die unablässig in die Erdschichten vorstießen, durch Raum und Zeit. Bumm, bumm, bumm … quiiiiietsch!

Braunkohleabbau prägte mein Leben. Irgendwie.
Im Dörfchen mussten die Menschen immer zuerst erforschen, aus welcher Richtung der Wind bläst, bevor frisch gewaschene Wäsche in den Garten gehangen werden konnte. Es konnte durchaus passieren, dass sich weiße Laken waren nach zwei Stunden auf der Wäscheleine in betongraue Fetzen verwandelte. In den Doppelfenstern des Hauses befand sich immer eine Schicht Kohlestaub. Dabei putzten emsige Großmütter und Mütter täglich eben jenen Dreck weg. Schlussendlich verlor das Dorf den Kampf gegen die krachenden und quietschenden Monstren. Heute stehen nur mehr ein paar vereinzelte Bruchbuden, das Tagebaurestloch wurde geflutet und der Kampf um die besten Plätze und deren Verwurstung hat begonnen. Wie ausgesprochen makaber, dass ich in der Betreiberfirma des Tagebaus meine Ausbildung absolviert habe. In dieser Zeit war ich auch ganz unten im Loch, also am heutigen Grund des Sees. Kohlrabenschwarz kam jeder von diesem Ort zurück. Kohlrabenschwarz ist auch meine Erinnerung an die Zeit, als das Dorf seine Seele verlor und starb. Es schmerzt bis heute und versetzt mir immer wieder einen Stich im Herzen, wenn ich mich dem künstlichen See nähere. Er gehört dort nicht hin.

Ich habe mir sehr oft gewünscht, die Mauer wäre einige Jahre eher gefallen, dann würde das Dorf noch leben. Und ich hätte meine Wurzeln nicht verloren. Aus mir wurde ein Streuner, ein Nomade, ein Bodenloser, ich suche seit 25 Jahren ein Zuhause und Halt. Lausche ich dem monotonen Bumm, Bumm, Bumm jenseits der Grenze, ist diese Sehnsucht schier unerträglich. Ich habe Heimweh, das ins Leere läuft, denn da ist nichts mehr, was ich betreten, berühren, erblicken könnte.

Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Eines Tages komme ich an. Auch und vor allem bei mir.
 

Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine Sehnsucht nach Hause.

Paul Keller

 

 

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