Einsamkeit & Traurigkeit

Ich muss diesen Gedanken und Gefühlen jetzt den Vortritt lassen. Ich muss einfach. Der Tag in meiner Herzwummelstadt war fabelhaft. Ich war Zuhause, in meiner Heimat, dort, wo mein Herz immer viel lauter und intensiver klopft. Wir sind durch die Straßen gelaufen, sind netten Menschen begegnet und saßen irgendwann in dieser Kneipe, in der ich bereits als Kind zu besonderen Anlässen Platz nahm und mich von einem Ober bedienen ließ, der dort noch heute, mittlerweile als Chef von dem Laden, seinen Dienst versieht.

Wir sind gerade angekommen, die Getränke und das Essen sind bestellt, da setzt sich an den Nachbartisch ein älterer Herr. Er ist alleine. Seine Hände zittern und ihm ist das sichtlich unangenehm. Das Haar an seinem Hinterkopf ist verwuschelt, ich kann noch erkennen, wie er letzte Nacht geschlafen haben muss. Der Mann bestellt und als die Bedienung den Tisch gerade verlassen hat, kommt ein weiterer älterer Herr in unsere Ecke des Gastraumes. Der Ober findet, es wäre eine gute Idee, wenn sich die beiden Herren zusammentun würden an einem Tisch und so setzt sich der Neuankömmling zu dem Mann mit den zitternden Händen. Seine Hände zittern nicht, dafür trägt er einen altmodischen braunen Anzug, der an seinem schmalen Körper Falten schlägt.

Der Mann mit den zitternden Händen ist sicher noch nicht lange allein, er fühlt sich etwas unbehaglich mit seinem Tischnachbarn. Dieser wiederum ist beseelt von einer Traurigkeit, die mein Herz frontal erwischt. Er schaut sich nicht um, er blickt nur auf den Tisch. Er scheint öfter in diesem Lokal zu verkehren, denn die Bedienung fragt lediglich « So wie immer? » und zieht von dannen. Kurze Zeit später bekommt er einen Multivitaminsaft und sein Tischnachbar ein alkoholfreies Bier gebracht.

An diesem Tisch fällt kein Wort. Während einer versucht, seine Hände nicht über Gebühr zu bewegen, bewegt der andere seine Augen nicht aus dem Quadrat, das seine Arme auf dem Tisch bilden. Das Essen wird an den Tisch gebracht. Der traurige Mann bekommt nichts, als eine Forelle. Es gibt keine Beilagen, nur diesen Fisch. Routiniert nimmt er ihn auseinander und beginnt zu essen, während sein Gegenüber nun wirklich hart arbeiten muss. Er müht sich redlich mit seinen schwer zitternden Händen.

Das Schweigen an diesem Tisch ist brutal und die ganze Szenerie wirkt so unfassbar traurig, obwohl der Raum von dem üblichen Gemurmel einer Kneipe durchzogen ist. Da sitzen zwei Menschen an einem Tisch, zwei, die bestimmt viel erlebt haben in den zurückliegenden Jahren. Auf den beiden anderen Plätzen haben es sich Einsamkeit und Traurigkeit gemütlich gemacht und lassen aus diesem Tisch in einem beinahe rappelvollen Lokal eine melancholische Insel werden. Mich hat dieser Anblick so berührt, ich musste mich irgendwann auf die Toilette zurückziehen, weil ich meiner Tränen nicht mehr Herr wurde.

In mein Seelchen hat dieses Erlebnis voll reingehauen. Mir wird einmal mehr klar, dass es mir ausgesprochen gut geht. Ich möchte das nie mehr vergessen, genauso wenig wie die beiden Herren, die sich für alle Zeit in mein Bewusstsein eingemeißelt haben. Und die Tränen laufen …

 

In der Einsamkeit frißt sich der Einsame selber auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die vielen. Nun wähle.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

 

6 commentaires

  1. ❤ Und anderen wären die Beiden nicht mal ansatzweise aufgefallen. Schön, daß du die Geschichte aufgeschrieben hast. Irgendwann wird sie als Kurzgeschichte in eines deiner Buchkapitel passen. Bin ich mir sicher. Komma her, Drücker abholen!!! Drück❤❤❤

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