Und wenn ich morgen sterben würde …

Den ganzen Tag schon denke ich darüber nach, wobei es eigentlich gar nicht so viel nachzudenken gibt. Natürlich wäre diese Tatsache ziemlich blöde, schließlich habe ich doch noch so viel vor. Und trotzdem müsste ich, wäre heute mein letzter Tag, nichts bereuen, beklagen, bedauern oder vermissen.

Sonnenuntergang

Natürlich hätte ich sehr gern einen richtigen Vater gehabt, er hat mir zeitlebens gefehlt.
Natürlich hätte ich meinen Urgroßvater noch viel besser kennenlernen wollen, unsere gemeinsamen knapp elf Jahre waren viel zu kurz.
Natürlich wäre ich meinem kleinen Dorf viel lieber treu geblieben, allein die Kohlebagger und die Familienplanung meiner Mutter hatten etwas dagegen.
Natürlich hätte ich auf jeden einzelnen der dreizehn Umzüge in meinem Leben sehr gern verzichtet, den Ort, von dem ich sagen kann « Ich bin angekommen », suche ich noch immer.
Natürlich hätte ich diese besondere Zeit in meinem Leben am liebsten noch viel mehr genossen, bewusster erleben wollen.
Natürlich hätte ich meiner Urgroßmutter noch zahllose Fragen stellen können, ihr viel öfter sagen können, wie sehr ich sie liebe. Sie fehlt.
Natürlich hätte ich selbstverständlich einige Entscheidungen ganz anders treffen können.
Natürlich wäre ich gern irgendwann einem Menschen über den Weg gelaufen, der mich aus tiefstem Herzen und mit seiner Seele liebt. Ja.
Natürlich wäre ich gern durch die Weltgeschichte gereist, ausreichend Ziele hatte ich stets in petto.
Natürlich hätte ich meinem Kind einen Vater gewünscht, der stolz auf seinen Sohn ist und ihn bedingungslos liebt.
Natürlich hätte ich mit Vorliebe auf die Jahre am Rande der Armutsgrenze verzichtet und meinem Kind etwas mehr geboten als das, was mit aller Kraft machbar war.
Natürlich hätte ich sicherlich gern ein Haus oder ein Auto gehabt.
Natürlich hätte ich liebend gern viel eher zu mir finden wollen, hätte auf Depressionen und all die Pein verzichten können.

Natürlich. Ja.

Das Leben ist nicht planbar. Mein Leben ist nie planbar gewesen. Zu keinem Zeitpunkt. Auch wenn ich einst große Pläne hatte. Das Leben hat mir gezeigt, was es mit mir vorhat. Ich bin aus einer traumschönen Kindheit in eine einsame Jugend gestolpert und wurde mit einem enormen jahrelangen Kraftakt erwachsen. Darauf hätte ich gut verzichten können, aber hey, that’s me. Ich wäre nicht die, die ich jetzt bin.

Mit jeder einzelnen Epoche habe ich meinen Frieden gefunden, ich trauere keiner Zeit nach, ich trage keine Wut auf irgendwen in mir, ich bin im Reinen mit dem, was war. Da ist auch sehr viel Dankbarkeit für das, was mir das Leben gelehrt hat und so lebe ich jeden Tag im Grunde so, als wäre es mein letzter. Ich gehe niemals mit einem Menschen im Streit auseinander, ich will auch keine unausgesprochenen Dinge zwischen mir und irgendwem wissen. Ich will lieben, leben, lachen. Und das am besten noch viele Tage lang.

 

Sieh, das ist Lebenskunst:
Vom schweren Wahn des Lebens sich befrein, fein hinzulächeln übers große Muß.

Christian Morgenstern

 

 

11 commentaires

  1. Ha, das ist lustig, ich hab mir darüber auch sehr viele Gedanken gemacht, noch vor Kurzem. Das war so prägend, dass ich mir echt dachte, dass ich eventuell bei einem Autounfall oder so verunglücke. Murphy ist da ja tückisch😉

    Aber sehr schöne Worte, die du gefunden hast, da wird sich wohl jeder wiederfinden können.

  2. …würde ich einen Apfelbaum pflanzen ! Ja, es gibt Momente im Leben da kommen solche Fragen einfach so wie ein « Pflümie » ins Gehirn geschossen ! Die Antworten zeigen dann eine Bilanz für sein eigenes Leben ! Hey blick weiter nach vorne ! Danke für die Worte zum nach denken !
    L.G.
    Mrs. Jones

  3. du wärst nicht die, die du jetzt bist, hätte sich dein Weg anders gezeichnet. So wie ich dich kennelernen durfte, hätte ich dir viel Dinge anders gewünscht. Die Warmherzigkeit, die du anderen schenkst, soll dich künftig überall begleiten und du sollst wissen, daß du ne ganz Tolle bist! Egal, was passiert ist, du bist jetzt DIE, die dem Glück nicht mehr hinterher läuft… Es kommt zu dir, weil du selber soviel Glück & Liebe an andere gibst. Post von dir treibt mit jedesmal die Tränchen in die Augen. Liebe Worte gepaart mit einer magisch schönen Handschrift. Das ist für mich so oft *Perfektes Glück*. Und das Buch… naja, du kannst es auch als Rentnerin schreiben, dann muss ichs mir halt von meinen Enkeln vorlesen lassen und erinner mich dann an die entzückende Zeit des Bloggens mit unglaublich tollen Herzensmenschen.❤

    1. Och, du bist ja lieb. Ich bin heute so nah am Wasser gebaut und dann kommst du! Knuffpuff.
      Ich denke auch, dass ich heute sicher anders wäre, wenn mein Leben in anderen Bahnen und aalglatt dahingeflutscht wäre. So haben die Erfahrungen ihre Spuren hinterlassen und so schlimm ist das gar nicht, was hinten herausgekommen ist, erkenne ich langsam. Ich für meinen Teil habe erkannt, dass ich mit dem, was ich gebe, die Welt auch ein bisschen formen kann und wie du schreibst, was zurückkommt, haut mich manchmal schier um. So wie gerade jetzt….😉
      Danke! ♥

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