Ein November in der DDR

Wenn du sechzehn Jahre alt bist und nach zehn Jahren Schule gerade deine Ausbildung aufgenommen hast, ist alles spannend und du fühlst dich ein klein wenig erwachsen und wichtig, auch wenn ich noch immer das kleine Mädchen aus dem verschlafenen 600-Seelen-Dörfchen bin, das ich erst fünf Jahre zuvor erst verlassen habe. In dem großen ‘Tal der Ahnungslosen’ lebte es sich immer ein bisschen abgeschirmter, aus heutiger Sicht verschnarchter, als im Rest des Landes. Wir empfingen absolut keine westlichen Medien und die staatlich kontrollierte Presse des eigenen Landes hielt sich selbst in Zeiten, als die Menschen bereits flächendeckend auf die Straßen gingen, enorm zurück.

Damals wohnte ich unter der Woche bei meiner Oma, da sie näher an meinem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule lebte. Wenn ich im Schichtbus saß und mich zur Arbeit chauffieren ließ, konnte ich sie sehen, die Autos, die verlassen am Straßenrand standen, deren Kennzeichen irgendwo im Land ihre Heimat hatten und deren Besitzer gen Osten über die nahe Grenze getürmt waren auf ihrem Weg in irgendeine Botschaft des goldenen Westens. Ich verstand bereits damals, dass in manchen Menschen ein übergroßer Freiheitswille leben musste, wenn sie dafür Leib und Leben riskieren und ihr Hab und Gut beinahe komplett zurücklassen.

Fuhr mich der Schichtbus nach der Arbeit wieder nach Hause, gab es ein neues tägliches Ritual. Mit dem Beginn meiner Ausbildung öffnete sich das Fernsehen ein bisschen für junge Menschen und endlich gab es auch mal etwas für die Bevölkerung im ‘Tal der Ahnungslosen’ zu bestaunen. Elf99 wurde geboren, eine Sendung, die in den Monaten vor dem Mauerfall zu meiner wichtigsten Informationsquelle wurde. Fortan saß ich nach Arbeit und Schule gebannt vor dem Fernseher und bestaunte neben Musikvideos und einer plötzlich so bunten Welt auch den Untergang des Landes, in dem ich bis dato lebte.

Als Günter Schabowski eher beiläufig die Grenzen öffnete, sollte es noch etwa einen Monat dauern, bis ich zum ersten Mal meine Füße auf den Boden eines kapitalistischen Landes stellen sollte. Der große Rausch war zu diesem Zeitpunkt bereits schon wieder Geschichte, ich kam allerdings noch in den Genuss einer bunten und zuckersüßen Wolke aus Nachwirkungen. Und erlitt einen mittelschweren Kulturschock.

Nie zuvor und niemals danach habe ich so extrem berauschende und spannende Zeiten erlebt. Eigentlich ist das eine völlig falsche Einschätzung der Gefühle von damals, mir fallen allerdings keine wirklich passenden Adjektive ein, zu beschreiben, was unbeschreiblich ist. Diese Zeit hat mich geprägt bis in alle Ewigkeit und ich denke gern daran und an die Menschen, die ein Stück des Weges mit mir gingen, zurück.

Wie bedauerlich, dass diese Aufbruchstimmung in unserem Land mit den Jahren einer bleischweren Lethargie gewichen ist.

 

Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit;
das ist der Grund, warum die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.

George Bernard Shaw

 

 

20 commentaires

  1. Das ist so « nah » geschrieben, so gut nachzuempfinden! Doch ich denke, die « bleischwere Lethargie » wird von zahlreichen Individualisten, Entdeckern, Künstlern schwer durchmischt! Meinte, das so gesehen und gespürt zu haben beim letzten Aufenthalt an der Müritz!

    1. Sei gegrüßt, Wildgans🙂
      Fein, dass du da bist.

      Natürlich gibt es viele Menschen, die dem Einheitstrott entweichen, die Staub aufwirbeln und andere Wege gehen wollen. Es gibt sie und sie sind nicht gerade wenige. Aber die breite Masse erscheint mir so dermaßen abgestumpft und verstaubt im Kopf, ich frage mich fortwährend, was geschehen müsste, dass in diesem Land noch einmal große Menschenmassen friedlich auf der Straße protestieren.

      1. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, ein wenig im Tal der Ahnungslosen zu leben…denn die Glotze kann einem zwar von Revolutionen berichten, sie kann aber auch an die Gemütlichkeit fesseln.

        1. Die Berichterstattung damals war zwar enorm verdreht und einseitig, weil in der DDR war immer alles gut, positiv und im Aufwärtstrend, haha, aber die Informationsfluten und deren Qualität heute sind auch für den Hintern. Ja, manches schätzt man erst, wenn man es nicht mehr hat😦

        2. Wir haben es zu einer Entwicklung geschafft, in der wir uns 24 Stunden am Tab vom Leben ablenken können. Mails von der Arbeit werden sofort auf dem Handy angezeigt und dank Tablet können wir sofort erledigen, was da von uns verlangt wird. Wenn aber gerade niemand nervt, finden sich Youtube-Videos und tausende TV-Programme, die uns vom wirklich wichtigen Geschehen fernhalten können.
          Es wundert mich nicht im Geringsten, dass es eine Volksbewegung, so wie vor 24 Jahren heutzutage nicht mehr möglich ist. Es ist einzig an uns, welcher Medien und in welchem Maße wir uns bedienen, aber ich habe das Gefühl, dass du eh sehr viel Zeit in der Natur verbringst und uns die schönsten Himmelbilder zukommen lässt.🙂

        3. Richtig, Informationen schießen aus sämtlichen Kanälen auf uns ein, man kann sich dem irgendwie nicht mehr wirklich entziehen. Ich habe 70 Fernsehsender und nur zwei Augen. Das ist exemplarisch, haha.

          Sagen wir es mal so, ich bin täglich draußen an der Luft und meistens sehr froh, kein Auto zu besitzen, sondern vor und nach der Arbeit an der frischen Luft den Kopf wenigstens ein bisschen frei zu bekommen. Die Himmelsbilder kann ich oft sehr bequem von Balkonien oder aus dem Küchenfenster machen😉

        4. Ich radle auch jeden Tag zur und von der Arbeit, was ich doch sehr viel besser finde, als das Auto zu nutzen🙂 Beim Blick von meinem Balkon hab ich momentan leider Kräne vor den Augen😦

        5. Dann kannst du dich gern an meinen Bildern von Balkonien laben🙂
          Mir ist durchaus bewusst, welch wundervollen Ausblick ich hier genießen darf. Deshalb teile ich diesen auch so oft.

        6. In welche Richtung schaust du denn da? Also wenn das Osten wäre, könntest du prima jeden Sonnenaufgang festhalten, das wirkt dann mit den Kränen doch ganz zauberhaft🙂
          Mich stören die jetzt nicht wirklich, zumal du doch auch eher oben wohnst und ansonsten eine wunderbare Sicht genießen kannst.

          Kräne finde ich übrigens toll, wenn der Himmel hübsch ist, photographiere ich sie sehr gern🙂

          Das Auge ist größer als gedacht

  2. 1989 war ich 26 Jahre alt und ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn Schabowski die Öffnung der Grenze beschließt bzw. liest … einer der schönsten Momente… ein Augenblick mit voller Zuversicht in die Zukunft blickend … Du hast deine Gedanken und Gefühle schön beschrieben !

    LG TB

    1. Mit Abstand ist es witzig, dass er einen so gewaltigen Schritt so beiläufig vorträgt wie eine Wasserstandsmeldung.
      Es gibt übrigens eine Situation, die mir bis heute die Gänsehaut hoch und runter laufen lässt…

  3. Danke für die treffende Beschreibung. Die 10. Klasse war eine spannende aber auch unsichere Zeit.
    Den Gänshautmoment teile ich mit Dir. Mit stellen sich noch immer sämtliche Haare auf und die Augen werden feucht. Was muss dieser satz für die Menschen bedeutet haben.

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