Heute ist Christina Schulz* in unser Haus gezogen, vorerst nur vorübergehend, hofft sie und ich hoffe mit.

Ich landete eher zufällig in ihrem Zimmer auf der Suche nach einer Kollegin. Angetroffen habe ich dann statt der Kollegin die neue Bewohnerin, eingerollt auf dem Bett liegend. Eine recht kleine, freundliche Frau, der bereits mit dem dritten Satz Tränen aus den Augen kullern.

Zweiundsechszig Jahre ist sie mit ihrem Mann zusammen. Er musste nun ins Krankenhaus, derweil sie bei uns untergebracht wurde. Darüber ist sie tieftraurig, getrennt von ihrem Mann, das hält sie nicht aus und weint und weint.
Ich setze mich zu ihr, halte ihre Hand, sie erzählt mir von ihrer großen Liebe und welch wunderbares Team sie und ihr Mann seit 62 Jahren sind. Ich bin beeindruckt, wissend, dass ich, vorausgesetzt mir würde morgen der passende Deckel übergestülpt, mindestens 101 Jahre alt werden müsste, um ebenfalls 62 Jahre Liebe vorweisen zu können. Hinzu kommt, dass die Liebe zu ihrem Mann aus jedem ihrer Worte spricht. Ganz schön schön, finde ich.

Ich versuche, ihr ein bisschen Trost zu spenden, Mut zu machen, Hoffnung zu geben und ich verspreche ihr, morgen noch einmal nach ihr zu schauen.

Warum bin ich eigentlich so ne sensible Nase, hm? Um die nächste Ecke auf dem Flur herum sitzt meine Handkussdame und überschüttet mich mit Komplimenten. Egal, dass neben ihr ein Mann in seiner eigenen Welt hockt und lautstark vor sich hinzetert. Sie adoptiert mich mal eben und macht mich zu ihrer Tochter.

Und während ich an diesem Beitrag schreibe, kullern die Tränen, die ich heute im Handkusshaus gerade noch herunterschlucken konnte. Wie dankbar diese alten Menschen sind, was sie mir zurückgeben, das gleicht einer wohlig warmen Welle, die ein bisschen Schnappatmung bei mir verursacht.
Ich bin niemand, der mit dem Geben ein sofortiges Nehmen erwartet oder voraussetzt. Mir ist bewusst, dass alles, was man selbst aussendet, irgendwann zu einem zurückkommt. Im Handkusshaus geschieht das ständig in Turbotempo, quasi Geben und Nehmen im Verhältnis 1:1. Gegenwehr zwecklos, notfalls wird man eben auch adoptiert.
 
 
 
* Natürlich heißt Christina Schulz nicht Christina Schulz, aber sie hat mich heute so bewegt, dass ich ihr ein paar Gedanken widmen wollte.
 

Muß denn immer gleich von Liebe die Rede sein? –
Ja.

Kurt Tucholsky

 

 

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