Gestern ereilte mich ein Erinnerungsflash vom Allerfeinsten. Rein gedanklicher Art. Ich schnuffelte an meiner Lieblingsdecke und zipp!, war da plötzlich der Duft eines Intershops in meiner Nase. Ich bin ja bekanntlich ein Kind der DDR und wenn Sie mit einem Intershop verständlicherweise nichts anfangen können, versuche ich mich mal in einer Umschreibung des Dufts. Der Duft haute mich bei all meinen seltenen Besuchen, mehr als fünf Mal war ich dort nicht, immer wieder aufs Neue um, es roch nur in Intershops so, es gab keinen anderen Ort mit gleichem oder ähnlichem Duft. Für mich war das ein paradiesischer Duft, betörend und faszinierend zugleich. Der Duft der großen, weiten Welt hinter der Mauer. Oder so.

Wikipedia sagt: “Intershop war eine Einzelhandelskette in der DDR, deren Waren nur mit konvertierbaren Währungen, später auch mit Forumschecks, jedoch nicht mit Mark der DDR bezahlt werden konnten.”

Gestern Abend lief dann ein besonderer Film beim NDR über den Sturz unseres damaligen Vortänzers Herrn Honecker. Er selbst ist bereits 18 Jahre tot, aber seine Frau lebt noch immer bei den ehemaligen Kampfgenossen in Chile. Abgesehen von dem unfassbaren Geschwaller der Frau H., wurden da auch Bilder von damals gezeigt und das bewegt mich doch noch immer enorm.
Für mich war das eine Zeit, die so niemals wiederkommen wird. Besonders und einzigartig, da lag etwas in der Luft, ganz viel Neues und Exotisches trat in unser aller Leben. Wir kosteten täglich ein Stück mehr von der neuen Welt und waren meistens fasziniert. Sie müssen wissen, das hier war früher das “Tal der Ahnungslosen”. Es gab kein zufällig empfangenes Westfernsehen oder -radio, wir waren so ziemlich hinter dem Mond in vielerlei Hinsicht.
So erinnere ich mich an DIE Sensation schlechthin, als eine Mitschülerin nach ihrem Ungarn-Urlaub eine Schallplatte von Depeche Mode mitbrachte. Ich glaube, diese Platte hat sich die komplette Schule kopiert. Kopieren damals hieß, man hatte irgendwann eine Kassette in grottenschlechter Qualität, die man so lange rauf und runter hörte, bis das Band Blasen warf. Es kursierten auch immer wieder Kopien von wahllos zusammengewürfelten Songs und man hörte auch diese ohne einen blassen Schimmer, wie die Bands eigentlich hießen. Glauben Sie mir, mich ereilen bis heute Aha-Momente, wenn ich der Musik der 1980er Jahre lausche. Ich saß nach dem Mauerfall oft fassungslos vor MTV ob der schrägen Vögel, die doch hörbare Musik fabrizierten hatten. Bei uns in der DDR war ja alles immer so brav und geordnet, nech?

Und während ich heute so meiner neuesten CD der Helden von früher lausche, die mir der Osterhase ins Nest gelegt hat, haut volles Rohr der nächste Flashback rein.

Herzmusik

Ich denke an Rituale während meiner Ausbildungzeit. Ich habe im Sommer 1989 die Schule verlassen und meine Ausbildung aufgenommen und nachdem im Herbst 1989 die Mauer fiel (Laut Frau H. übrigens eine “Konterrevolution”, mihihihi!), ist die kleine Mauerblümchen-Aurélie erwacht und durchgestartet. Es gab da so ne Disco, in die es mich mehrmals wöchentlich gezogen hat, um den Mief wegzupopowackeln. Himmel, war das ne Zeit. Ich erinnere mich, als wäre es letzte Woche gewesen. Freitags nach Hause kommen, Musik an – endlich gabs Musik zu kaufen! – und dann aufhübschen. Das lief immer nach dem gleichen Schema ab und es wurde mir niemals langweilig. In uns wohnte so eine unschuldige Leichtigkeit, wir haben das Leben genossen. Dazu muss ich sagen, dass wir zwar irgendwie alle geraucht, dafür aber nur sehr dezimiert getrunken haben, also nix mit Kampftrinken. Ich habe mich meistens an alkoholfreien Flüssigkeiten festgehalten.

Dieser Zeit wohnte ein Zauber inne, den ich gar nicht recht in Worte fassen kann. Und eigentlich will ich das auch gar nicht. Es war eine der besten Zeiten meines Lebens und das trägt mich bis heute… Danke, dass ich das erleben durfte.
 

Wer die Vergangenheit liebt, der liebt eigentlich das Leben. Die Gegenwart bleibt flüchtig, selbst wenn ihre Fülle sie ewig erscheinen läßt. Liebt man das Leben, so liebt man die Vergangenheit, denn die Eindrücke der Gegenwart bestehen in der Erinnerung fort.

Jean Paul

 

 

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