Gebet

Engel in Flamme
 

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht, -
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler

 

 

Ich.Du.Er.Sie.Es.

Respekt ist etwas Elementares. Für mich. Und den Umgang mit allen Menschen, die meinen Weg kreuzen.

Niemals duze ich irgendwen einfach so. Niemals. Das Sportgeschäft in meiner Stadt ist für mich immer wieder eine Herausforderung. Dort gilt es als hip, jeden Kunden zu duzen. Mir stellen sich immer wieder die Nackenhaare auf. Ich bin kein 15-jähriges Skatergirl, sehe jetzt auch nicht wirklich so aus – haha – und erschrecke mich immer wieder aufs Neue, wenn mich eine frisch ausgelernte Fachverkäuferin ungefragt duzt.

Dieses Duzen ist auch im Handkusshaus sehr verbreitet. Dort werden einfach diverse Bewohner von den Pflegekräften geduzt. Geht mal gar nicht, niemals nicht. Ich duze dort nicht einmal Frau B., auch wenn sie mich bei jedem unser Zusammentreffen darum bittet. Nö, das geht nicht.

Es gibt Lebensbereiche, in denen ist mir eine gewisse Distanz wichtig. Ich möchte weder meinen Chef noch die Lehrer meines Sohnes duzen. Ich hatte noch nie Probleme, irgendwen zu siezen. Manche beginnen sich irgendwann zu winden wie ein Aal, greifen auf die dritte Person zurück, das ist affig par excellence. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich mit der halben Welt zu duzen.

Merkwürdig allerdings, dass es im Internet diese Hürde oft gar nicht gibt. Da duze ich mich mit Menschen, die ich bei einem Kennenlernen in der realen Welt gesiezt hätte. Ist das nicht verrückt?

hoch hinaus

Was mir auch enorm wichtig ist, stets antworten. Egal, ob im persönlichen Gespräch, per Brief oder via Mail, ich antworte. Ob nun dienstlich oder privat, nichts ist schlimmer, als wenn man jemandem eine Frage stellt, eine Mitteilung zukommen lässt und es kommt nie eine Antwort zurück. Kein Muh. Kein Mäh. Nur Schweigen. Das ist respektlos. Und leider weit verbreitet. Ich antworte immer. Es vermittelt meinem Gegenüber das Gefühl, ernst genommen zu werden, überhaupt gesehen zu werden, für mich wichtige Grundpfeiler eines entspannten Miteinanders.

Ich spüre genau die Dankbarkeit meines Gegenüber, wenn sich unsere Wege wieder trennen und er das Gefühl mitnimmt, ich habe ihm nicht nur Zeit und meine Ohren und Augen geliehen, sondern habe ihm den Respekt gezollt, der jedem grundsätzlich zusteht. In meiner Welt.

 

Behandle jeden so, wie du selbst behandelt werden möchtest.

Konfuzius

 

 

Warum ich nicht blogge

Nachdenklich beobachte ich seit geraumer Zeit die Bloggerwelt. Viele Menschen führen Blogs, mein Weg führt hin und wieder bei einigen von ihnen vorbei. Doch mich spricht kaum noch etwas an und so klicke ich weder auf den “Follow”-Button und like auch keine Beiträge, obwohl mir bewusst ist, dass sich diverse Blogger über diese Möglichkeit Besucher auf den Blog lotsen, die dann fleißig deren Beiträge liken.

Verrätergasse
 
Ich blogge nicht …

… um Aufmerksamkeit zu erringen. Dieser kleine Blog ist dazu da, meine Erinnerungen zu verwahren, hin und wieder laut zu denken, schwere und leichte Gedanken zu notieren. Ich schreibe hier eigentlich genau genommen nur für mich und muss niemandem gefallen.
… um Likes und Follower en masse zu generieren. Mir ist egal, ob irgendwer gut findet, was ich hier mache. Das interessiert mich nicht die Bohne. Ich freue mich, wenn sich jemand in meinen Worten, Gedanken und Bildern wiederfindet. Wenn nicht, ist mir das auch maximal egal.
… um ein Projekt nach dem anderen abzuarbeiten. Blogs, die sich hauptsächlich einem oder gleichzeitig mehreren Projekten verschrieben haben, klicke ich sofort wieder weg. Auch das ist für mich nichts anderes als eine ziemlich schnöde Art, Klicks zu generieren. Langweilig.
… um alle, die hier kommentieren und liken, zu besuchen und deren Blog dann mit der gleichen Aufmerksamkeit zu versehen. Ich muss gar nichts gut finden, auch nicht als Dank dafür, dass hier irgendwer irgendwas gut findet. Manche Leute klicken den Like-Button kaum zwei Minuten nach Veröffentlichung des Beitrages. Ohne Worte.

So und wer jetzt noch bleibt, hat verstanden, um was es mir geht.
Für alle anderen gilt: Have a nice day!
 

Sprechen- und Schreibenkönnen heißt freiwerden: zugegeben, dass nicht immer das Beste dabei herauskommt; aber es ist gut, dass es sichtbar wird, dass es Wort und Farbe findet.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

 

Как я купила российский шоколад (Wie ich russische Schokolade kaufte)

Natürlich hatte ich während meiner Schulzeit russische Brieffreundschaften. Russisch als Sprache lag mir irgendwie, auch wenn ich einen Muttersprachler vermutlich nicht verstanden hätte, die reden bekanntlich so schnell wie eine Stalinorgel herumorgelt. Aber für den brieflichen Austausch waren meine Kenntnisse durchaus bestens geeignet.

Brieffreundschaften mit russischen Kindern waren der Einstieg in eine ferne, bunte Welt, denn die russischen Brieffreunde schrieben nicht einfach nur Briefe, falteten diese in einen Briefumschlag, klebte eine Briefmarke drauf und ab ging die Post. Neiiiiin, das wäre einem russischen Brieffreund viel zu schnöde. Meine Freunde hatten alle traumschöne Handschriften, die ich immer bewundert habe. Mir gelang es nie, die kyrillsche Schrift so verträumt und romantisch aufs Papier zu bringen. Das Beste war aber, dass meine Freunde keine Briefe, sondern halbe Briefpakete schickten. Ich bekam russische Pionier-Halstücher, Postkarten, Photos sowie buntes Bonbon- und Schokoladen-Papier geschickt. Ich liebte diesen kleinen stets bunten Einblick in das russische Leben sehr, so sehr, dass ich bis heute eine Schwäche für dieses Land habe. Natürlich mag ich nicht alles gutheißen, aber die aktuelle Situation, Russland medial zum ersten Schritt in einen Krieg zu provozieren, kotzt mich gelinde gesagt an. Ich bin für Frieden, das habe ich schon einmal hier geschrieben, daran hat sich nach wie vor nichts geändert.

Gestern habe ich jedenfalls Nägel mit Köpfen gemacht und habe den russischen Spezialitätenladen aufgesucht, den es an dieser Stelle schon seit etlichen Jahren gibt. Aber wie das immer so ist, Sie kennen das ja.
Dieser Laden ist … herrlich. Ein bisschen mutet er wie ein Wohnzimmer in den 1930er Jahren an, ich tippe, der nicht minder herrliche Betreiber des Ladens gibt dort den ein oder anderen russischen Abend. Der Mann ist locker sechzig Jahre alt und liebt dieses Land, das habe ich sofort gespürt. Vermutlich hätte ich seinen Ausführungen stundenlang auf einem der antiquierten Stühle lauschen können, die um den großen schweren Tisch herumstanden auf dem sich allerlei russische Schätze nur so türmten. Ich fragte ihn, was er mir empfehlen kann. Der erste Tipp war Wodka. Muah. Ja klar, irgendwie logisch. Ich bin ja nun jetzt nicht so das Wodka-Häschen, also zählte er sämtliche Lebensmittelkategorien auf, die er auf Lager hatte. Und zu allem wusste er etwas zu sagen. Unglaublich. Aber ich liebe solche Menschen, sie leben Leidenschaft, das macht sie mir sympathisch.

Русский шоколад

Entschieden habe ich mich für … Schokolade. Links im Bild das ist kasachische Schokolade, in den Nationalfarben des Landes gehalten und genauso müssen Sie sich Kasachstans künstlich hochgezogene Hauptstadt Astana vorstellen. Ich sah mal eine Reportage im Fernsehen, sehr beeindruckend, sehr pompös, deswegen auch irgendwie befremdlich. Rechts das ist echte russische Schokolade und der Verkäufer findet, sie muss sich hinter Schweizer Schokolade nicht verstecken, ich bin gespannt. Übrigens mag ich es sehr, Lebensmittel aus fremden Ländern zu probieren. Ich habe bei meinen wenigen Auslandsreisen auch immer Supermärkte besucht, da gibt es für mich so viel zu entdecken.

Ich bin froh, dass ich den Laden besucht habe, beinahe hätte ich mir ein Shirt mit Putin-Konterfei und seiner Unterschrift gekauft. Haha. Aber es reicht eigentlich, wenn man für den Wunsch nach Frieden und einer kritischen Betrachtung der allgemeinen Medienberichterstattung schon als “Putin-Versteher” bezeichnet wird. Beim nächsten Mal werde ich trotzdem eine Flasche Wodka kaufen. Ich glaube, manchmal braucht es selbigen und keine Schokolade. Und irgendwann werde ich das Land besuchen. Ich weiß es und freue mich darauf.

 

Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal,
ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.

Christian Morgenstern

 

 

Allein, allein

Das Wetter heute war das Wetter von gestern, als es mich am Nachmittag für satte zwei Stunden auf der Couch einfach dahingerafft hatte. Bei diesem Nieselfieselnovembergrauwetter schickt man eigentlich niemanden vor die Tür, ich tat dies heute freiwillig. Ich bin zum ersten Mal seit eeeewig langer Zeit allein losgezogen. Dick angemummelt, nasse Kälte frisst sich rasend schnell durch die Kleidung. Im Gepäck hatte ich nur ein Fläschchen Grüntee, etwas Geld, die große Klickklackmadame und ein Päckchen Taschentücher für Herbsttriefnasen.

Ich habe Ihnen auch etwas mitgebracht, damit Sie sehen, was ich gesehen habe.

Fensterschmuck

Manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Es gibt so viel zu entdecken links und rechts in den Gassen.

 
Zimmer frei bei Engels

Das Licht war wirklich suboptimal, aber im November muss man eben mit allem rechnen.

 
Jüdenstraße

Alte, gebrechliche Häuser ziehen mich immer besonders an.
 
Petersilienschmuck

So ein tiefgrauer Novembertag leert alle Straßen, ein bisschen war die Stadt mein.

 
†

Ich habe mir viel Zeit genommen. Lesen, gucken, staunen.
 
Kirchenschnickeldi

In dieser Kirche ist es jetzt so sehr kalt, Sie glauben es nicht.
 
Selfie

Nach der Kirche war ich in einem gar mopsigen Café, saß vor dem Kamin, durfte seelenschmeichelnder Soulmusik lauschen und Milchkaffee schlürfen. Dort habe ich mich ganz wunderbar durch und durch aufgewärmt, um dann noch ein bisschen weiterzuziehen. Mitgebracht habe ich neben den Bildern auch Schokolade. Russische und kasachische. Und um ein Haar ein Shirt mit Putin-Konterfei, haha.

Leider ist heute auch wieder ein Herzschmerztag. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Herz schmerzt, einfach so. Und trotzdem schlägt es immer weiter.

 

Sobald ein Gefühl gefühlt und vom Herzen angenommen ist, beherrscht es nicht mehr unser Handeln – oder jedenfalls mit der Zeit immer weniger. Das Paradoxe ist: Wenn wir ein Gefühl wirklich angenommen haben – ins Herz geschlossen – und ihm auch in der Folgezeit erlauben zu existieren, hört es auf, uns mit eisernem Griff zu umklammern, und obwohl es da ist und wir es fühlen, werden wir nach und nach frei von ihm.

Safi Nidiaye

 

 

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