Auf den letzten Metern

Jetzt, kurz bevor ich in den Osterurlaub starte, spüre ich doch überraschend heftig, wie anstrengend die letzten anderthalb Monate waren. Ich bin mental wirklich ausgesprochen gut drauf, Lethargie und Melancholie befinden sich gerade auf Weltreise, aber ich spüre enorm, wie sehr ich ein paar freie Tage brauche.

Das Handkusshaus schreit ganz laut nach mir und ich habe versprochen, am nächsten Brückentag werde ich ihm endlich wieder einen Besuch abstatten. Meine Lieblingskollegin kam gestern spontan in mein Büro geschneit und ich habe unsere lange Umärmelung so unsagbar genossen, das kann sich niemand vorstellen. So gesehen könnte ich einen eigenen Umärmelungsmitarbeiter einstellen, einen, der mich, wann immer ich es brauche, umärmelt und an sein Herz drückt.

Heute durfte ich einen Part der Krankheitsvertretung an eine neue Krankheitsvertretung abtreten. Schönes Getrete, was? Ich bin erleichtert, mir nimmt die Abwesenheit gewisser Aufgaben ordentlich Druck von den Schultern, auch wenn ich für die nächsten beiden Abrechnungen weiterhin verantwortlich zeichne. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es eine Weile braucht, bis man die Zusammenhänge erkennt und Durchblick gewinnt. Dass ich mittlerweile so fix mit der Software umgehen kann, verdanke ich nur der steten Arbeit mit ihr, aber auch meinem schnellen Verstand und der Tatsache, dass unser IT-Mensch direkt am Nebentisch herrscht. Ich sage nur: Kurzer Dienstweg und so.

Der Einkauf zum Feierabend heute war … anstrengend. Zu viele Menschen um mich herum, noch mehr Müdigkeit in mir drin. Da hilft wohl nur absolute Konzentration auf den Einkaufszettel und ab an die Kasse. Draußen musste ich erst einmal tief durchatmen. Einkaufen vor Feiertagen ist immer wieder blödbommelig. Pfff.

Plötzlich tauchte da dieser Termin auf, den ich vor ein paar Tagen noch pissgelb in meinem Kalender markiert habe. Zwischenzeitlich muss sich ein schwarzes Terminloch aufgetan haben, denn als ich nach dem Einkauf an dieses Quartals-Date erinnert wurde, war mir, als hörte ich zum ersten Mal davon. Müde habe ich mich zum Blutspenden geschleppt, der Labormensch hat mich massiv angeflirtet – klimper, klimper – es hat ihm aber gar nichts genutzt, mein Herz klopft momentan in anderen Sphären. Die Müdigkeit blieb, auch als ich nach der Spende einen Kaffee trank.

Ich freue mich wie wahnsinnig auf den Urlaub, ich habe ihn mir verdient und werde jeden einzelnen Tag genießen. Ich beginne morgen damit, auch wenn ich noch arbeiten muss. Wir haben uns zu einem Osterfrühstück im kleinen Kreis verabredet. Damit startet dieser Tag sicher sehr angenehm und wenn ich meinen Schreibtisch hoffentlich leergearbeitet habe, starte ich gegen 15 Uhr in den Urlaub. Quiekinger und so…

 

Tage, wenn sie scheinbar uns entgleiten,
gleiten leise doch in uns hinein,
aber wir verwandeln alle Zeiten;
denn wir sehnen uns zu sein ….

Rainer Maria Rilke

 

 

Sonntagsritual

In so einem gewöhnlichen Sonntag kann man einige Rituale unterbringen. Bei mir werden es mit den Jahren immer mehr, habe ich heute festgestellt und so spontan ich einerseits bin, so mag ich selbst geschaffene Rituale auf der anderen Seite.

Ein Sonntagsritual in diesem Haus ist immer die heldenhafte Bezwingung des Bügelkorbes. Nach dem Frühstück und zwei Milchkaffetschkos werfe ich mich in die Schlacht, begleitet von meinen beiden Lieblingsradioheldenunterstützern. Ich baue das Bügelbrett so auf, dass ich nebenbei immer ein bisschen in den Sonntagvormittaghimmel klimpern kann und der akustischen Beihilfe sei Dank, ist der Korb im Nu leer.

Nachdem ich vor einigen Wochen den kinderfreien Sonntagnachmittag eingeführt habe, wurde ein weiteres Sonntagsritual aus der Taufe gehoben. Es nennt sich kurz und knapp ‘Bezwing deinen inneren Schweinehund und beweg deinen Arsch!’ und erfreut sich mittlerweile größter Beliebtheit bei allen Teilnehmern. Also mir. Heute ist bekanntlich Sonntag und nachdem mein Kind das Haus verlassen hatte, habe ich nicht viel mehr als mich und mein Fahrrad geschnappt und bin 15 Kilometer durch die Botanik gekachelt.

Accessoires

Da oben im Bild sehen Sie meine uralten Fahrrad-Handschuhe, ich habe sie während meiner Münchner Zeit gekauft, sie haben sicher 20 Jahre auf dem Buckel, da ihnen aber sonst nichts fehlt, befinden sie sich nach wie vor in regem Gebrauch. Wer dieses Accessoires für überflüssig erachtet, dem darf ich sagen, dass die Polsterung in den Handinnenflächen bei mir durchaus Sinn macht. Der konstante Druck auf die Handinnenflächen führt bei Nichtbenutzung der Handschuhe irgendwann zu einem Missempfinden in beiden Unterarmen.

Ich habe vor Kurzem eine Strecke für mich entdeckt, die alles andere als bequem ist und mich ordentlich fordert. Einmal in der Woche gebe ich mir also folgendes Programm… Ich ziehe bequeme Sportklamotten an, schütze vor allem meinen Hals, kleine Schwachstelle, die unter besonderem Schutz steht. Was ich nicht mitnehme: Mobiltelefon, Kamera (auch wenn ich diverse Augenschmeichler passiere), Handtaschen groß wie schwarze Löcher, Schmuck und anderen Ballast. Bei mir habe ich lediglich: den Schlüssel, ein Taschentuch, meine Klamotten, mich und das Fahrrad. Wichtig: Nicht stehenbleiben, nicht absteigen, nicht schlappmachen!

Und so fahre ich, irgendwann stellt sich der Tunnelblick ein. Meine Beine finden einen Rhythmus, der Atem passt sich an und alles wirkt wie ein Gesamtkunstwerk – monotone Bewegung und Sound wie aus dem Technolabor. Ich bin ein Borderliner, ich gehe an meine Grenzen. Der Sauerstoff brennt wie Feuer in meiner Lunge, als ich ich mich mit Gegenwind einen laaaanggezogenen Anstieg hinaufarbeite. Nicht anhalten, nicht absteigen. Beweg deinen Arsch, verdammt nochmal! Oben auf dem Berg breitet sich das Adrenalin in mir aus, die Mühen haben sich einmal mehr gelohnt. Aber es gilt auch hier: nicht anhalten, nicht absteigen!

Meine Form wird immer besser und mein Fahrrad mir irgendwie zu “klein”. Ich denke darüber nach, in absehbarer Zeit ein neues zu erwerben, eins mit höherem Quälfaktor. Hehe.

 

Von Natur aus sind die Menschen fast gleich; erst die Gewohnheiten entfernen sie voneinander.

Konfuzius

 

 

Aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen, …

Mein Leben wäre nicht mein Leben, würde es nicht stets und ständig drunter und drüber gehen. Ich würde ja direkt etwas vermissen ohne dem Gefühlskarussell, das nicht müde wird, wie ne besenkte Wildsau rauf und runter zu brettern. So war ich vor ein paar Tagen noch froh und dankbar, dass ich mich wieder einigermaßen berappelt hatte, was jedes Mal einem Kraftakt gleichkommt, schon geschieht gestern etwas, das mich zunächst völlig aus der Bahn geworfen hat.

Ranunkel

Ich habe im Laufe des Tages so viel geweint, dass meine Augen abends brannten wie Feuer. Es ist mir den ganzen Tag über nicht gelungen, auch nur ansatzweise Ruhe in mich zu bringen. Das haben erst abends meine Herzmenschen vollbracht. Empathische Menschen spüren sofort, wenn es mir nicht gut geht, auch durchs Telefon und dann bin ich baff, wenn meine Lieblingskollegin nach der Arbeit zum Telefon greift, um mich wieder aufzubauen. Überhaupt, immer ist einer der Herzmenschen sofort zur Stelle und legt sich mit seinem Handeln wie ein Schutzschild um mein Seelchen. Ich bin davon überzeugt, ihr wisst gar nicht, welch großartige Leistung ihr vollbringt. Ihr seid meine Helden, ich habe euch in meinem Herzen und nichts und niemand kann euch diesen Platz streitig machen. Ihr gehört nämlich genau dorthin.

Und so ging es mir heute schon etwas besser, ich habe im Schlaf ein bisschen Ruhe gefunden und auch wenn jetzt alles ein bisschen schwerfällt, wenn ich mich an gewissen Orten ziemlich unbehaglich fühle, so bin ich doch getragen von der Liebe der Menschen in meinem Herzen. Das wiederum fühlt sich so gewaltig an, dass mir eine Perle aus dem Auge rinnt… Ein Glücksmoment. Ohne Wenn und Aber.

 

Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.

Rainer Maria Rilke

 

 

Durchs Tal auf den Berg hinauf

Man kann definitiv auch mit viel zu wenig Schlaf in eine neue Woche starten. Das funktioniert, können Sie mir glauben. Genauso kann ich Ihnen versichern, dass man mit so einem Start durchaus zu einer famosen Form auflaufen kann. Ich dachte mir, ich teste das mal für Sie, großzügig wie ich bin.

for girls only

Zuerst gab es ganz viel Himmel für Mädchen wie mich. Nun ließen sich noch Überlegungen anstellen, wer für den leichten Kopfhagel verantwortlich zeichnet, der sich mit dem Aufstehen und danach stündlich zunehmend in meinem Schädel ausweitete. Heute stand mir nicht der Sinn nach Schmerz-Experimenten, zack!, eine Ibu rein und Ruhe im Schiff.

Immer geht die Sonne auf. Immer.

Im Büro angekommen durfte ich zuerst meinen Mitinsassen äh Zimmerkollegen nach mehrwöchigem Krankenstand wieder in unserem Miniteam begrüßen. Ausgezeichnet. Ich mag es, wenn der IT-Mensch nur zwei Meter entfernt immer zu meiner Verfügung steht. Giggel. Es ist einfach praktisch, weil bei meinem Sprung ins kalte Wasser immer mal wieder Fragen und Probleme auftauchen, die er meistens direkt beantworten respektive abstellen kann.

Ansonsten galt, weiter im Text, auch der dritte Part will abgerechnet sein. Alles lief wie am Schnürchen, sogar reisefertig ist das Ergebnis schon. Morgen folgt der übliche Formularkram, der jeder Abrechnung auf dem Fuß folgt und dann bin ich durch. Ich klopfe mir auf die Schulter, weil ich innerhalb von nur einer Woche alles erledigt habe. Ich bin ganz schön gut. Das kann ich mir selbst nicht oft genug sagen und vor allem m e r k e n!

Auch wenn es morgen mit dem Wetter vorerst bergab geht, ich bin guter Dinge und freue mich auf alles, was jetzt kommt. Acht Tage arbeiten z.b. und danach zehn freie Tage genießen. Das Finale meiner laaaangen Fastenzeit, die ich nicht so wirklich beenden werde, aber ein Stück Schoki muss ich mir am Ostersonntag einfach einverleiben. Oder die Tatsache, dass in sieben Wochen und sechs Tagen ein enorm anstrengender Lebensabschnitt endlich endet. Huiiii, ich freue mich so!! Heute war ein wunderbarer Tag, da war so viel für mein Seelchen und vor allem für mein Herz dabei…

 

Carpe diem, hat einmal jemand gesagt. Das heißt auf Deutsch: Freue dich, solange du gesund bist, ob das nun mit Sechseläuten und Jaß, oder Tanz und Fastnacht, oder Reisen und Toiletten, oder Rosen und Kamelien geschieht, einerlei; das muß jeder selber am besten wissen. Aber wer im Frühling darüber jammert, daß später der Herbst kommt, oder von einem schönen Mädchen ächzt, daß sie einmal Großmutter wird, oder von einem hübschen Gärtchen jeremiaut, daß es möglicherweise einmal erfriert, der ist ein Schwachmatikus.

Carl Spitteler

 

 

Das geht auch besser

In Sachen Abschalten habe ich mir zwar redlich Mühe gegeben an diesem Wochenende, aber irgendwie habe ich doch ziemlich versagt. Ausschlafen hat leider so gar nicht funktioniert und mental habe ich mir einmal mehr selbst im Weg gestanden. Heute musste ich mich regelrecht zwingen, das Fahrrad aus dem Keller zu holen und mich auf den Weg zu machen.

Weitsicht

Ich musste arg strampeln, um diesen Punkt zu erreichen. An Grenzen gehen, das hilft mir manchmal. Heute nicht.

Magnolie

Die Magnolien geben hier jetzt alles und blühen vielerorts nach Leibeskräften.

Am See

Ich habe meine Stadt einmal großräumig umrundet, habe mich verausgabt und wurde dennoch die Unruhe nicht los, die seit ein paar Tagen wieder in mir wohnt. Ich beschließe: Am kommenden Wochenende kriege ich das wieder besser hin!

 

Alle Unruhe im Menschen entspringt aus der Phantasie; denn selbst das Gewissen, wenn es auch seinen Stoff aus dem moralischen Sinne zieht, nimmt doch wenigstens seine Form aus ihr.

Franz Grillparzer

 

 

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